„Große Teile des Volkes leben in unserer Zeit in freudloser und liebloser Dumpfheit dahin“, schrieb Hermann Hesse, der heute vor 141 Jahren geboren wurde, im Jahre 1899. [1] 119 Jahre später sehen wir Menschen, die sich auf Instagram der Oberflächlichkeit hingeben, Menschen, die Serien anschauen, die ihnen oft nicht mehr als eine Ablenkung sind oder Leute, die zu jeder Zeit über die vermeintlich wichtigsten Geschehnisse in der Welt Bescheid wissen aber mit den Informationen doch nichts anderes anzufangen wissen als Gleichgültigkeit darüber zu empfinden.

„[U]nsere Art zu genießen ist kaum weniger nervös und aufreibend als der Betrieb unserer Arbeit. ‚Möglichst viel und möglichst schnell’ ist die Losung.“ [2] Liest man diese Sätze, könnte man meinen, er hätte von Binge Watching oder der Autoplay-Funktion in YouTube gesprochen. Dass diese Aussagen aus dem 19. Jahrhundert stammen, zeigt recht deutlich, dass die Verhaltensweisen, die wir heute sehen (und gerne den Jugendlichen zuschreiben, obwohl man sie in sämtlichen Generationen findet), nichts Neues sind. Auch später wird z.B. von Aldous Huxley oder Neil Postman von einer Gesellschaft gesprochen, die aufgrund der medialen Reizüberflutung abstumpft und Tiefe durch Masse ersetzt.

Der banale Unterschied ist, dass wir heute nicht mehr in Theatern, Opernhäusern und Bildergalerien „immer mehr Vergnügung und immer weniger Freude“ [3] empfinden, sondern eben vor unseren Laptops, Smartphones und Fernsehern. Die Möglichkeiten haben sich drastisch vervielfacht und sind wesentlich leichter und eben auch häufiger zugänglich. Wen Hermann Hesse 1899 als Menschen beschrieben hat, der unzufrieden ist, in Massen konsumiert und sich zu ruhigeren Zeiten zurücksehnt, würden wir heute vielleicht als Aussteiger bezeichnen. Wir sehen im Schnitt täglich fast vier Stunden fern, verbringen circa eben so viel Zeit vor Audio-Medien und nutzen das Internet knapp drei Stunden. [4] Dazu werden wir noch einige Zeit passiv von Fernsehern und Radiosendern beschallt. Hätte Hermann Hesse das gewusst, wäre er über die Gewohnheiten seiner Zeit wohl fast dankbar gewesen.

„So wenig als andere weiß ich ein Universalrezept gegen diese Mißstände. Ich möchte nur ein altes, leider ganz unmodernes Privatmittel in Erinnerung bringen: Mäßiger Genuß ist doppelter Genuß. […] In gewissen Kreisen gehört Mut dazu, eine Premiere [einer Netflix-Serie] zu versäumen. In weiteren Kreisen gehört Mut dazu, eine literarische Novität [oder ein YouTube-Video] einige Wochen nach ihrem Erscheinen noch nicht zu kennen. In den allerweitesten Kreisen ist man blamiert, wenn man die heutige Zeitung [oder die heutigen Twitter-Trends und Boulevard-Nachrichten] nicht gelesen hat. Aber ich kenne einige, welche es nicht bereuen, diesen Mut gehabt zu haben. […]

Wer gewohnt ist, Bilder in Masse zu sehen, der versuche einmal, falls er dazu noch fähig ist, eine Stunde oder mehr vor einem einzelnen Meisterwerk zu verweilen und sich damit für diesen Tag zu begnügen. Er wird dabei gewinnen.

Ebenso versuche es der Vielleser usw. Er wird sich einigemal ärgern, über etwas Neues nicht mitreden zu können. Er wird einigemal Lächeln erregen. Aber bald wird er selber lächeln und es besser wissen. […] Mit der Gewohnheit des Maßhaltens ist die Genußfähigkeit für die ‚kleinen Freuden’ innig verknüpft.“ [5]

Die Wissenschaft kann da nur zustimmen. Übermäßiger Medienkonsum führt zu Unzufriedenheit. Zum einen, weil Werbung und InfluencerInnen in der Regel nur dazu gemacht sind, den Menschen einzureden, sie seien mangelhaft. Zum anderen, weil der Nutzen einer Sache abnimmt, umso öfter wir sie tun. So ist z.B. die erste Folge einer Serie noch interessant, schauen wir aber vier am Stück, wird uns die letzte wesentlich weniger Spaß machen. Trotzdem machen wir weiter, egal ob mit Serien, Spielen oder sozialen Netzwerken.

Lassen wir uns so enorm lange von den Medienangeboten berieseln, geben wir die Kontrolle ab. Wir öffnen Facebook und verlieren uns darin, wir starten ein YouTube-Video und lassen uns durch Autoplay gleich die nächsten vorspielen, wir wollen eigentlich nur kurz Whatsapp öffnen, schauen aber direkt weiter auf Instagram. Oft ist uns gar nicht bewusst, wie wir dazu kamen, eine App oder Internetseite zu öffnen und wie lange wir uns dort schon befinden. Wer einmal mithilfe einer App kontrolliert, wie oft er am Tag sein Handy entsperrt, wird vermutlich ziemlich erschrecken.

Trotzdem wäre es falsch, dies den Medien in die Schuhe zu schieben. Was wir tun, können wir, sofern wir denn wollen, immer noch selbst kontrollieren. Die Medien, vor allem das Internet, können extrem nützlich, sinnstiftend und bildend sein. Wir müssen (nur) bewusst damit umgehen. Hilfreich sind dafür unter anderem die Tipps des Center for Humane Technology, das unter anderem von ehemaligen Facebook- und Google-Mitarbeitern ins Leben gerufen wurde. Sie haben es sich zum Ziel gemacht, die Gefahren der Medienangebote zu thematisieren und die Technik wieder in den Dienst des Menschen zu stellen und zu verhindern, dass er sich seine Aufmerksamkeit durch soziale Medien rauben lässt. Auch die Idee des „Digital Detox“ ist – obwohl der Name vielleicht an Schwurbeleien wie „Entschlackungskuren“ denken lässt – keine schlechte Sache. Ein paar Tage oder regelmäßig einige Stunden ohne bestimmte Medien zu verbringen kann der Selbstwahrnehmung sehr helfen.

„[D]ie Hauptsache ist der Anfang, das Augenaufmachen.“ [6]

[1] Hesse, Hermann (1899): Kleine Freuden. In: Volker Michels (Hrsg.)(2005): Hermann Hesse. Über das Glück. Betrachtungen und Gedichte. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main. S. 25.

[2] Ebd. S. 26.

[3] Ebd. S. 26.

[4] https://www.vau.net/system/files/documents/vprt_mediennutzung-in-deutschland-2017.pdf

[5] Hesse (1899), S. 26f.

[6] Ebd. S. 29.

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