Man hat alles, was man braucht, verwendet alles, was man hat, mehr oder weniger regelmäßig und besitzt nur Dinge, die einen Wert haben. Eigentlich sollte es dafür kein Wort geben müssen. Da wir uns in der sogenannten ersten Welt aber nicht nur fragen, wo eigentlich die zweite Welt sein soll, sondern auch in eine materiell „maximalistische“ Richtung driften, benötigen wir doch eins.

Frauen besitzen im Mittel 17 Paar Schuhe, von denen sie durchschnittlich 10,8 kaum tragen. [1] Daraus lassen sich leicht Flachwitze und billige Fernsehwerbungen machen. Wir Westeuropäer haben grundsätzlich gerne ein paar überflüssige Kleidungsstücke, die wir vielleicht irgendwann schon mal wieder anziehen möchten. Man bekommt Dekorationsgegenstände geschenkt, hat von allem lieber ein bisschen zu viel (falls ein Unglück passiert und man plötzlich alle 38 Feuerzeuge, 19 Kuchenteller und die drei Heißklebepistolen auf einmal benötigt) und schmeißt Dinge auch nicht gerne weg, da diese ja schließlich noch gut sind.

Als Gegensatz zu diesen Tendenzen existiert mittlerweile die Strömung des Minimalismus, die zumindest genug AnhängerInnen hat, um auch in der Allgemeinheit Beachtung zu finden. Diese fällt nicht immer positiv aus, da es aus der Perspektive eines Durchschnittshaushalts durchaus befremdlich wirken kann, Bilder von Wohnungen zu sehen, aus denen scheinbar gerade jemand ausgezogen ist. Deshalb versuche ich hier komprimiert darzustellen, was in unzähligen YouTube-Videos und einigen speziellen Blogs umfassender dargestellt wird.

Zunächst sollte man vielleicht sagen, dass Minimalismus kein Wettbewerb darum ist, wer die wenigsten Gegenstände besitzt. Auch wer eine CD-Sammlung, viele Pflanzen oder Bücher besitzt, kann Minimalist sein. Ebenfalls nicht den Kern der Sache treffen Richtwerte wie „nicht mehr als 33 Kleidungsstücke“ oder „nicht mehr als 500 Gegenstände in der Wohnung“. Es ist ganz interessant, im Kleiderschrank durchzuzählen, mehr aber auch nicht. Der Punkt am Minimalismus ist es, sich selbst zu fragen, welche Dinge man denn überhaupt noch benutzen möchte. Das Selbst ist dabei ein wichtiger Begriff. Wir sollten uns nicht daran orientieren, was XY wohl denken wird, wenn er mitbekommt, dass wir den Modell-Eiffelturm entsorgt haben, den er uns vor drei Jahren aus Paris mitgebracht hat oder wie die Leute denn reagieren werden, wenn wir plötzlich einen bestimmten normal gewordenen Gegenstand nicht mehr besitzen. Wichtig ist nur die Frage, ob wir einen Gegenstand noch benutzen.

Die nächste Frage ist, ob wir den Gegenstand besitzen, weil wir ihn brauchen oder ob wir ihn nur verwenden, weil wir ihn eben besitzen. Als MusikerIn besitzt man oft ein Instrument, dass man mal gekauft hat und nun gelegentlich darauf herumklimpert, obwohl man eigentlich nichts rechtes damit anfangen kann. Manche/r verwendet gelegentlich ein Parfüm, das einst ein Geschenk war und den Raclette-Grill sollte man auch mal wieder rausholen. Gelegentlich wird vorgeschlagen, sämtlichen Hausrat in Kartons zu packen und nur das zu behalten, was man in nächster Zeit rausholt. Das braucht allerdings selbst in kleinen Haushalten extrem viele Kartons, scheint wegen des Aufwands sehr demotivierend und auch aus Kartons kann man Dinge holen, die man eigentlich nicht wirklich braucht. Wichtig ist nur, sich die genannte Frage zu beantworten und die Antwort umzusetzen. Wie ist dabei relativ egal.

Mit der Zeit wird man sich immer weniger über Gegenstände definieren („Ich bin die/der mit diesem Auto“, „Ich bin der/die mit jenen Kleidungsstücken“, „Ich bin jemand, der diese Buch gelesen hat, das für alle sichtbar in meinem Regal steht“) und immer mehr die Menge und Art der Gegenstände von wirklich eigenen Bedürfnissen abhängig machen. Welche das sind, ist oft nicht leicht herauszufinden, auch weil wir von anderen Menschen, den Medien und der Werbung vieles eingeredet bekommen und an vieles einfach gewöhnt sind, weil es die vorherigen Generationen auch schon eingeredet bekamen. Minimalismus heißt deshalb auch, Erwartungen Erwartungen sein zu lassen und zu überlegen, was man selbst wirklich will und braucht. Das ist selten besonders viel.

Mit vielen Gegenständen hat man viel Arbeit und wenig Zeit für sich selbst. Wer wenig Zeit für sich selbst hat, wird zwangsläufig unzufrieden. Sie/er hat keine Zeit, die eigenen Gefühle wirklich zu fühlen, wird nicht recht herausfinden können, was der eigene und was nur gesellschaftlich erwarteter Wille ist. Diese Unzufriedenheit versucht man üblicherweise durch Konsum zu besänftigen. Man kauft Dinge, die man eigentlich nicht braucht und schließt den Kreis, auf dem die Unzufriedenheit und damit auch unser Wirtschaftssystem basiert.

Der Minimalismus in seiner Gänze bezieht sich aber nicht nur auf konsumierte Waren, sondern auch auf z.B. destruktive Beziehungen und entfremdete Arbeit oder Aktivität im Allgemeinen. Dazu werden bei Gelegenheit noch Artikel folgen.

Wer etwas zu seiner Lebensqualität und Gesundheit beitragen sollte, dem/der sei der Blog „Einfach Bewusst“ empfohlen. Eine inspirierende Doku zu dem Thema ist „Minimalism. A Documentary About the Important Things“ von Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus, die auch einen erhellenden YouTube-Kanal betreiben. Allen, die den ersten Versuch wagen, wünsche ich viel Erfolg. Es lohnt sich!

[1] https://www.zeit.de/news/2014-02/17/mode-frauen-haben-doppelt-so-viele-schuhe-wie-maenner-17151405

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