Der Mensch hat es gerne, wenn er Dinge voraussehen kann. Er rechnet mit dem Wahrscheinlichsten, auf Unwahrscheinlichkeiten bereitet er sich nicht vor, mitunter kann er sie überhaupt nicht leiden. Das ist auch notwendig, denn ansonsten wäre er nicht (mehr) hier. „Greift mich dieser Bär an, wenn ich ihm nicht aus dem Weg gehe? Wahrscheinlich, aber vielleicht lässt er es auch bleiben.“ Tot. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich es überlebe, hier herunter zu springen. Aber einen Versuch ist es wert.“ Auch tot.

Andererseits stirbt der Mensch gelegentlich auch gerne auf ganz unwahrscheinliche Weise. „Darmkrebsvorsorge? Junger Mann, Sie sind 23 Jahre alt. Die Krankenkasse zahlt das nicht, weil es ganz und gar unwahrscheinlich ist.“ Tot. Realpolitisch aber völlig hinnehmbar. „Richtgeschwindigkeit auf der Autobahn fahren? Wie langweilig. Wahrscheinlich passiert mir eh nichts.“ Überlebt selber unwahrscheinlicherweise knapp, tötet aber drei andere Menschen, die diesen Tag wahrscheinlich überlebt hätten. Verlässt sich der Mensch zu sehr auf seine Wahrscheinlichkeiten, hilft es ihm also auch nichts.

Philipp von Jolly hielt es im Jahre 1874 – wie viele seiner Kollegen – für gänzlich unwahrscheinlich, dass in der Physik noch etwas neues erreicht werden könnte. Er meinte, dass in dieser Wissenschaft schon fast alles erforscht sei und der junge Max Planck deshalb nicht gerade dieses Fach für sein Studium wählen sollte. Mittlerweile sind wieder einige Wissenschaftler der Ansicht, dass wir wahrscheinlich keine großen Wendepunkte mehr erleben werden.

Dies mag den einen oder anderen belustigen oder ermutigen. Gerade wenn man bedenkt, dass die eigene Existenz und die des Menschen an sich ganz und gar unwahrscheinlich sind. Um Dinge für unwahrscheinlich oder gar unmöglich zu halten, musste der einzelne Mensch wenigstens das stärkste von etwa 40 Millionen Spermien sein. Hätte sein Vater unwahrscheinlicherweise während der Ejakulation niesen müssen, würde er gar nicht existieren. Ganz zu schweigen von der Evolution und der kleinen Wahrscheinlichkeit, dass die Menschheit sich nicht schon selbst ausgerottet oder in einen Petunientopf und einen Walfisch verwandelt hat.

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