In Fernsehdokumentationen oder Zeitungsartikeln wird gerne darauf aufmerksam gemacht, dass Fleischersatzprodukte sehr viel „Chemie“ enthalten. Damit ist nicht gemeint, dass sie, wie alles andere, aus sehr vielen Atomen bestehen, sondern dass sie wohl sehr viele Zusatzstoffe enthalten. Tierprodukte scheinen da wesentlich natürlicher zu sein, denn sie werden einfach vom Tier abgeschnitten/abgesägt oder kommen direkt aus ihren Drüsen oder anderen Ausgängen und werden daraufhin quasi direkt verzehrt. Ohne Chemie, ohne Verarbeitung, wie dem/r VerbraucherIn erzählt wird: ganz natürlich.

Nun ist zum einen darauf hinzuweisen, dass vegane Ernährung im Normalfall wenig bis gar nicht aus Fleischersatzprodukten besteht. Seitanwürste, Sojaschnitzel etc. werden gelegentlich gegessen, sind aber hauptsächlich für Leute geeignet, die sich entweder den Fleischkonsum abgewöhnen wollen oder oft mit Fleischessern am Tisch sitzen und kein komplett anderes Gericht essen mögen. Die Hauptbestandteile veganer Ernährung sind Hülsenfrüchte, Obst, Gemüse und Getreideprodukte. Das ist eigentlich nichts exklusiv Veganes, denn weder Vielfalt noch Gesundheit kommen durch Tierteile auf den Teller.

Zum anderen muss man einwenden, dass Tierprodukte keineswegs etwas natürliches sind. Definiert man, wie es gängig ist, „Natürlichkeit“ dadurch, dass die Nahrungsmittel möglichst wenig Zeit in Fabriken verbracht haben, möglichst wenig synthetische Zusatzstoffe enthalten und möglichst direkt auf den Teller kommen, ohne dass der Mensch viel Einfluss genommen hat, kann man kaum ein Tierprodukt als natürlich bezeichnen.

Ein Ei kommt an sich direkt aus einem Huhn. Allerdings kommt es aus einem Huhn, das natürlicherweise bis zu 20 Jahre lebt und höchstens um die 36 Eier pro Jahr legt, in Produktionsanlagen aber im Schnitt eine „Legeleistung“ von fast 300 Eiern pro Jahr bringt und nur circa 18 Monate zu leben hat. Die Brüder des Huhns wurden gleich nach dem Schlüpfen aus den Eiern, die natürlicherweise für die Fortpflanzung der Hühner da sind, geschreddert oder vergast. Während das passierte, wurde dem überlebenden Huhn mit einem heißen Messer oder einer Metallplatte der Schnabel gestutzt. Das fühlt sich nicht an wie das Schneiden von Fingernägeln, sondern eher wie das Abschneiden einer Fingerkuppe. Der Schnabel ist durchblutet, das Küken fühlt das ähnlich wie wir es fühlen würden, wenn man uns die Nasenspitze abtrennt. Nachdem sie eineinhalb Jahre auf ihrem gesetzeskonformen zehntel Quadratmeter gelebt hat, stirbt sie einen unnatürlichen Tod, falls sie nicht vorher aufgrund der hohen „Legeleistung“ an Krebs oder einer Entzündung gestorben ist. Damit das nicht passiert, bekommt es aber Chemie in Form von Antibiotika.

Das zweite Beispiel, die Milchkuh (das einzige Säugetier übrigens, bei dem explizit erwähnt wird, dass es Milch gibt, im Gegensatz zum Milchhund oder der Milchfrau), kommt auf die Welt, weil ein Mensch bis zur Schulter im Hinterteil ihrer Mutter, die sie nur kurz sieht, gewesen ist, um sie zu befruchten. Die Mutterkuh war an diesem Punkt gerade geschlechtsreif, hätte in der Natur aber wahrscheinlich noch keinen Nachwuchs bekommen. Nach der Geburt gibt sie Milch. In der Natur wären das 8kg am Tag, da das Kalb mehr nicht benötigt. Da aber der Mensch auch noch etwas davon haben möchte, hat er dafür gesorgt, dass sie mindestens 50kg pro Tag produziert. Das ist viel zu viel wenn man keine Maschine, sondern ein Tier ist. Deshalb entzünden sich regelmäßig die Euter der Kühe, was aber den Menschen nicht davon abhält, sie weiter zu melken bzw. von Maschinen melken zu lassen. Wie erwartet, lebt sie nicht, wie in der Natur, 15 Jahre, sondern wird nach circa fünf Jahren, wenn sie nicht mehr genug Milch gibt, geschlachtet. Wenn sie Glück hat, wird sie dabei nicht unnötig gequält. Die Milch wird zunächst geschleudert, da sie sonst verunreinigt ist. Sie wird in Magermilch und Rahm geteilt. Dann wird festgelegt, welchen Fettgehalt sie haben soll und dementsprechend wird wieder Rahm hinzugegeben. Quasi genau wie in der Natur. Bevor die Milch in den Laden kommt wird sie erhitzt, um die Haltbarkeit zu erhöhen und Krankheitserreger abzutöten. Damit sich kein Rahm absetzt (das sähe wohl zu natürlich aus), wird die Milch homogenisiert. Dadurch zerfällt das Fett und steigt nicht mehr an die Oberfläche. Vergleich: Für sogenannte Milchersatzprodukte, wie z.B. Mandelmilch, reicht es, die Mandeln einzuweichen, Wasser hinzuzugeben, das Ganze zu pürieren und zu sieben. Ohne Antibiotika, Keime und Blut.

Damit ein Schwein geboren wird, müssen sich zwei Schweine paaren. Zumindest in der Natur. In den meisten Fällen (in Deutschland in 60 Mio. pro Jahr) aber beschleunigt der Mensch das Ganze. Dem Eber wird – durch recht unnatürliche Methoden – Sperma abgenommen, um es dann direkt in die Gebärmutter der Sau zu injizieren. Das Schwein wird trächtig, baut in dieser Situation normalerweise ein Ferkelnest für ihre Nachkommen, bekommt aber aus den Betonplatten und Eisenstangen um sie herum keine Materialien dafür heraus. Die Ferkel bleiben nach der Geburt, in der die Muttersau zwischen Metallgittern liegt und sich nicht bewegen kann, vier Wochen statt vier Monate bei ihr. Das Schwein wird nach fünf Tagen wieder befruchtet. Das geschieht so lange, bis sie ausgezehrt ist. Nachdem den männlichen Ferkeln (dank der GroKo immer noch) die Hoden ohne Betäubung abgeschnitten werden – weil das Fleisch sonst in einem Zehntel der Fälle (natürlicherweise) unangenehm riecht – werden sie hauptsächlich mit Soja, das der Mensch auch direkt essen könnte, gefüttert, bis sie innerhalb von 6 Monaten auf ein Gewicht von über 100kg kommen. Bis dahin können sie wegen der unnatürlich schnellen Gewichtszunahme oft nicht mehr stehen, haben Verletzungen, Entzündungen und bekommen Antibiotika, die der Mensch dann mit isst. Um solche Verletzungen zu verhindern, werden ihnen die Zähne glatt geschliffen und die Schwänze gekürzt, die ungünstiger- und natürlicherweise gewachsen sind. Bis zu 750 Schweine werden pro Stunde durch natürliche Methoden wie Elektroschocks oder Gas betäubt oder getötet. Manchmal, so ist wohl die Natur, wirkt die Betäubung nicht und ein Schwein erlebt bewusst mit, wie ihm die Kehle durchgeschnitten wird. Und an diesem Punkt ist das Tier noch nicht einmal zerstückelt, behandelt und in Plastikschalen verpackt worden.

Wirkliche soziale Beziehungen konnte keins der Tiere aufbauen. Tageslicht, das die meisten Säugetiere natürlicherweise benötigen, haben alle drei nur auf dem Weg in den Schlachthof gesehen.

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