Heute findet der von der UNESCO ausgerufene Internationale Tag der Muttersprache statt. Eine gute Gelegenheit, das Thema „Gendering“, also die Bestrebung, Texte geschlechtsneutral zu formulieren, aufzugreifen. Wer nun erwartet, einen Beitrag zu lesen zu bekommen, der – wie so unsäglich viele andere – darüber jammert, dass das abscheuliche Gendering unsere schöne Sprache kaputt macht, wird diesen Artikel enttäuscht, unter Umständen aggressiv, hoffentlich aber etwas erhellt, wieder verlassen.

Zu Beginn ist das Gendern zugegebenermaßen, so wie alles andere es zu Beginn ist, gewöhnungsbedürftig. Daraus lassen sich allerdings, entgegen einiger laut vorgetragener Meinungen, keine allgemeinen Aussagen ableiten. Nur weil es für mich neu ist, ist es nicht falsch. Nur weil in Behörden dazu angehalten wird, neutral zu formulieren, können wir nicht vernünftigerweise von Verbotskultur sprechen. Und nur weil jemand nicht möchte, dass ich ihr*m meine Vorstellungen von geschlechtlicher Identität aufzwinge, bedeutet das nicht, dass diese Person versucht, mir irgendetwas aufzuzwingen.

Nun soll nicht dafür argumentiert werden, jemanden in nicht öffentlichem Rahmen zum Gendern zu zwingen. Öffentliche Institutionen (Schulen, Behörden etc.) sollten meiner Meinung nach keine Menschen aus ihren Formulierungen ausschließen. Weigert sich aber zum Beispiel die Sparkasse vehement, eine Kundin als Kundin anzusprechen, kann ich die Bank wechseln und die Sparkasse einen Depp sein lassen. Weigert sich eine einzelne Person neutral zu formulieren, ist es auch ihre Sache. Ich kann sie darauf hinweisen und mit ihr diskutieren, denn das Gendering hat durchaus seine Schwächen. Es ist mir aber nicht bekannt, dass irgendjemand versucht hätte, Privatpersonen zum Gendern zu zwingen, auch wenn gelegentlich in Diskussionen der Eindruck entsteht. Auch sind mir keine Argumente bekannt, die tatsächlich den Schluss zuließen, geschlechtergerechte Sprache ergäbe per se keinen Sinn.

Recht oft wird behauptet, die Lesbarkeit würde zu stark beeinträchtigt. Nun kann aber niemand erzählen, dass er*sie bisher ganz flüssig Thomas Mann und Kant gelesen hat, nun aber regelmäßig beim Lesen gegenderter Text über Sternchen und Unterstriche stolpert. (Bei Menschen, die damit tatsächliche Schwierigkeiten haben, also barrierefreie bzw. leichte Texte benötigen, ist das selbstverständlich etwas anderes.) Ebenso führt das Argument der durch Gendering entstellten Orthografie nirgendwohin, da die Rechtschreibung nicht gottgegeben, sondern das Ergebnis einer Übereinkunft ist. Wir haben uns ausgesucht, wie wir schreiben und die dazugehörigen Regeln auch des Öfteren geändert. Es tut der Muttersprache nichts, wenn sie verändert wird. Wir sprechen schließlich auch nicht mehr wie in der Neuzeit und dass unsere Standardsprache heute hochdeutsch ist, ist nichts Naturgegebenes, sondern etwas, das wir so gewählt haben. Unser Hochdeutsch könnte ebenso gut – Allmächd! – der fränkische Dialekt sein. Hätten die Menschen sich irgendwann dazu entschlossen, die aktuelle Sprache genau so beizubehalten, würden wir heute wahlweise die indogermanische Ursprache, althochdeutsch oder gar nicht sprechen.

Des Weiteren wird, zum Beispiel von Menschen wie Beatrix von Storch, behauptet, Kinder würden durch das ganze „Gendergaga“ verwirrt, weil sie nicht mehr sicher sein könnten, welchem Geschlecht sie denn nun angehörten. Sie vergisst allerdings, dass dies ein Problem der Erwachsenen ist und keines der Kinder. Es ist nur solange ein Problem, solange die Eltern eines daraus machen. Ein Kind besitzt kein vorgefertigtes Weltbild, keine unerschütterliche Ideologie, es braucht niemanden, die*der ihm vorschreibt, welchem Geschlecht es denn nun angehört.

Auch kann ich das generische Maskulinum (Verwendung der männlichen Endung für alle Formen) verwenden und behaupten, ich würde alle mit meinen. Aber erstens ist mitgemeint nicht gleich angesprochen und zweitens funktioniert Sprache so nicht. Ich kann nicht bestimmen, ob Personen sich von meiner Sprache ausgeschlossen fühlen dürfen oder nicht. Ich kann keine Rede mit den Worten „Lieber Herbert…“ beginnen und erwarten, dass der ganze Raum sich angesprochen fühlt, auch wenn ich tatsächlich alle meine.

Und so wie auch durch einen Veggie Day oder ein Tempolimit keine Klimaziele erreicht werden, so wird alleine durch die Verwendung gerechter Sprache keine Gleichberechtigung erreicht. Natürlich nicht. Aber eine Gesellschaft, die das Wort „Neger“ nicht mehr benutzt, wird es mit der Abschaffung von rassistischen Vorurteilen ein ganzes Stück leichter haben. Ebenso scheint es mit der geschlechterungerechten Sprache zu sein. Es wird, da muss den Genderkritiker*innen – oder, wenn sie es so wollen: Genderkritikern – beigepflichtet werden, viel zu viel Aufhebens um die genderneutrale Sprache gemacht. Aber das liegt nicht an den Menschen, die diese durchsetzen möchten, sondern an den Gegner*innen, die unaufhörlich darum bemüht sind, aus diesen kleinen, leicht nachvollziehbaren sprachlichen Veränderungen einen Skandal, ein kulturvernichtendes Riesending zu machen. Genderneutrale Formulierungen tun niemandem weh. Sie verbieten auch niemandem ihre*seine geschlechtliche Identität. Wer sich von der gendergerechten Sprache geärgert fühlt, hat ein Problem, aber keines, das in der gendergerechten Sprache liegt.

Niemand würde sich gerne aus der Sprache ausgeschlossen fühlen. Der Versuch, möglichst neutral zu formulieren, ist kein offensiver Angriff auf was auch immer, sondern eine gut gemeinte Bemühung. Ich halte es für sinnvoll und tut das jemand nicht, so kann er*sie wenigstens darauf verzichten, aus Gendersternchen ein Problem zu machen. Es tut der Mehrheit nicht weh und bereitet niemandem großen Aufwand, wenn wir mit unserer Sprechweise auch eine Minderheit ansprechen.

Dieser Artikel ist am 21.02.2019 in der Freitag-Community erschienen.